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Lieblingsblog: Die Tricks mit unserer Sprache

17. Dezember 2012
Eines meiner Lieblingsblogs: neusprech.org

Eines meiner Lieblingsblogs: neusprech.org

Was jeden Menschen jeden Tag beschäftigt, ist Sprache. Ich habe als Journalist sogar intensiv beruflich damit zu tun. Um die kleinen Gemeinheiten, die man mit Sprache anstellen kann, geht es in einem meiner Lieblingsblogs:  neusprech.org. Sprachprofis mikroskopieren und filetieren Wortverdrehungen und Sprachlügen und entlarven damit immer wieder ihre Schöpfer. 

Jüngstes Beispiel: die “Gesundheitsprämie“. Ein Wort, das prima klingt. Gesundheit ruft positive Konnotationen hervor – das will jeder haben; ohne dass man oft darüber nachdenkt, gerade dann nicht, wenn man sie hat. Und Prämie? Auch toll, klingt nach etwas Geschenktem. Dabei geht es bei der Gesundheitsprämie um etwas ganz anderes: darum, dass jemand einen festen Betrag für die Krankenversicherung bezahlt, unabhängig von seinem Einkommen.

Zahlen also statt erhalten und krank statt gesund – eine Antiphrase somit und nach den Neusprech-Regeln, die versuchen, Krieg als Frieden zu deuten, eine Meisterleistung.

So herrlich lauten die Ergebnisse der kleinen Untersuchung eines solchen neu geschaffenen Begriffs bei neusprech.org, für das vor allem Zeit-Journalist Kai Biermann verantwortlich zeichnet. Und es geht noch mehr in die Tiefe, schön giftig, schön entlarvend dem Wortschöpfer oder -verwender gegenüber, dass man meinen darf, er müsste das Wort sofort verschämt zurücknehmen.

Nach einer längeren Pause inzwischen wieder mehrmals wöchentlich greift neusprech.org diese fiesen Begriffe auf, die dem Leser oder Hörer derselben oftmals bewusst einen falschen Eindruck vermitteln sollen. Dass “Aufstocker” Menschen sind, die trotz Arbeit mit ihrem Lohn das Existenzminimum nicht erreichen und deren Gehalt staatlich aufgestockt wird, geht aus dem Begriff an sich nicht deutlich hervor; auch er wirkt eher aktivisch, positiv – aufstocken hat etwas von “anpacken”.

Dass eine Verspätung bei der Bahn von Angestellten gerne als “geänderte Fahrzeit” oder “Fahrzeitverlängerung” bezeichnet wird, ist auch ein gemeiner Trick, um es weniger Böse aussehen zu lassen.

Jeder Trick braucht einen, der ihn aufdeckt. So ist neusprech.org eines der Blogs, die eigentlich von jedem gelesen werden müssten, damit die Welt ein bisschen gerechter wird und der Begriffserdenker, ganz gleich ob Politiker oder Bahn-Mitarbeiter, ein bisschen ehrlicher. Damit dann von ihm kein “erhebliches Gefahrenpotenzial” für den Sprachgebrauch mehr ausgehen möge…

 

UPDATE am 17.12.2012: Diesen Blogeintrag schiebe ich schon ein paar Wochen vor mir her. Just heute, am Tag der Veröffentlichung, führt die “taz” ein Interview mit dem Gründer von neusprech.org, Martin Haase.

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