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Warum „Der Sport-Tag“ es schwer haben wird

14. März 2010

Titelseiten-Dummy der neuen Tageszeitung "Der Sport-Tag". Quelle: obs/DER SPORT-TAG

Am Sonntagabend, kurz nach dem 4:2-Sieg von Bayer Leverkusen gegen den HSV, habe ich es via Twitter mitbekommen: Am Montag, also morgen, soll in Berlin ein neues Print-Produkt am Kiosk liegen. „Der Sport-Tag“ soll es heißen. Hat es eine Chance? Ich bin sportinteressiert und habe mein eigenes Sportnachrichten-Konsumverhalten als Maßstab angelegt und beschränke meine (sicher nicht vollständige) Analyse auf die Sicht des Lesers (in dem Wissen, dass der Anzeigenmarkt vielleicht noch wichtiger ist).

Mein Fazit: „Der Sport-Tag“ wird es sehr schwer haben – und wenn er nicht inhaltlich und optisch ganz stark ist, dann wird das Projekt schnell scheitern. Warum?

Sechs Gründe – mit Focus auf den größten Markt, den Fußball:


  1. Der Markt an Sportnachrichten auf Papier ist weitgehend gesättigt. Regionale Abozeitungen haben zum Teil sehr umfängliche und analytisch teilweise sehr hochwertige Sportteile. Diese haben zwar klare regionale Schwerpunkte, aber Fußballfans sind oft regional focussiert.  Sonntags- und überregionale Abozeitungen decken ebenfalls den Sport ab und sind dort sogar zum Teil sehr stark.
  2. Zweiter großer Print-Konurrent ist die Bild-Zeitung und sind andere regionale Kauf- und Boulevardzeitungen (Kölner Express, BZ o.ä.). Sie sind laut und oft schrill. Und das kommt gerade auf dem Sportlesermarkt an. Ihre Nachrichten – mag der Wahrheitsgehalt in vielen Fällen auch gering sein – werden in Fankreisen diskutiert. Gerüchte über Transfers, Vereinspleiten oder schwule Schiedsrichter sind Gesprächsthemen im Stadion, am Arbeitsplatz, in der Schule – überall.
  3. „Der Sport-Tag“ trifft auf harte Konkurrenz im Magazinmarkt: vor allem auf den „kicker“. Der genießt großes Ansehen, erscheint selbst zweimal wöchentlich – und das an zwei Tagen, die im Sport von hohem Nachrichtengehalt sind: Am Montag, also nach dem Spieltags-Wochenende, und am Donnerstag, also oft nach Europapokalspielen und mit Vorschau-Blick auf das kommende Sportwochenende. Der „kicker“ hat gute Reporter und gute Kontakte, ist aber nicht so marktschreierisch wie die Zeitungen unter (2) und liegt mit seinen Nachrichten gefühlt häufiger richtig.
  4. Der „kicker“ ist nicht allein. Im Ruhrgebiet gibt es beispielsweise den zweimal wöchentlich erscheinenden Reviersport, bundesweit zudem das wöchentliche Heft Sportbild. Und auf einem Randmarkt, der sich eher fußballphilosophisch betätigt und die fußballkultur beleuchtet, das hochwertige monatliche Magazin „11Freunde„.
  5. Mit Sportnachrichten verhält es sich nicht anders wie mit Nachrichten anderer Ressorts: Neben dem Printmarkt ist mit dem Internet ein gefährlicher Kontrahent aufgetaucht. Des Prints Problem: Internet kann viel mehr als Print – es kann Videos (die bei Sportveranstaltungen deutlich im Vorteil sind), es kann Diskussionsplattform sein (Fans sind leidenschaftlich und äußern sich gern zu Dingen, die in ihrem Lieblingsklub passieren), es ist schneller und viel flexibler. Dass Print transportabler und handlicher ist – ein Argument, das in Zeiten von Smartphone, Kindle, E-Readern und iPad an Gewicht stark verliert.
  6. Das Fernsehen ist vor allem in Sachen Fußball bereits unheimlich analytisch angelegt. Neben dem Live- und dem Spielberichtsgeschäft (Sky, ARD-Sportschau, Aktuelles Sportstudio/ZDF, „Bundesliga pur“/DSF) gibt es tägliche Nachrichten („Bundesliga aktuell“/DSF) und analytische Sendungen (z.B. Talkrunde „Doppelpass“, „Spieltagsanalyse“/beides DSF oder „Sky90“).

Wie „Der Sport-Tag“ es trotzdem schaffen kann:

  • Inhalte liefern, die seriös recherchiert sind und trotzdem einmalig und exklusiv – und das laufend und verlässlich.
  • Diese Inhalte muss die Redaktion vermarkten. Sie an Agenturen geben. Sie im Social Web geschickt verteilen. Und so seine Marke stärken.
  • Das Heft muss ein schickes Design haben, übersichtlich sein und hochwertig wirken – schließlich soll der Leser dafür 50 Cent bezahlen.
  • Das Heft muss tief-analytisch sein und Dinge liefern, die sonst keiner in Deutschland liefert. Das muss weit mehr sein als die Opta-Daten über gewonnene Zweikämpfe und angekommene Pässe.
  • Das Heft muss innovativ sein.
  • Die Macher müssen eine Internetstrategie haben. Bei einer (ganz kurzen) Recherche gerade im Netz habe ich keinen Internetauftritt gefunden – das ist ein großer Fehler! Klar ist, dass nicht alle Dinge, die am Mittwoch im Magazin stehen, am Dienstag schon online zu lesen sein dürfen. Aber eine Zeitung ganz ohne Webplattform zu starten halte ich für unklug. Außerdem muss das Heft im Social Web präsent sein. (Nachtrag am 16.3.2010: „Der Sport-Tag“ ist im Netz – mit einer reinen und dazu minimalistischen Vertriebsplattform.)
  • Die Reichweite muss schnell steigen. Sonst ist das Blatt nur einer Minderheit bekannt – und damit bedeutungslos.

Auch wenn das hier alles sehr negativ klingt: Ich wünsche den Machern von „Der Sport-Tag“, dass ihr Mut belohnt wird und sich das Magazin durchsetzt. Ich wünsche es mir sogar sehr, denn der Printmedien-Markt bräuchte mal wieder eine solche Erfolgsgeschichte ala „Landlust„.

Zusatz: Hilfe! Es gibt 150.000 Exemplare zum Auftakt und angeblich erhält man das Heft zunächst nur in Berlin. Wer weiß, wo es das noch gibt? Wer kann mir helfen, an die erste Ausgabe zu kommen? Bitte mittels Kommentar melden. Danke!

NACHTRAG am 15.3.2010: Der Branchendienst Meedia hat das getan, was ich auch gern getan hätte: eine Blattkritik geschrieben. Eine vernichtende…

  1. „Der Sport-Tag“ trifft auf ganz harte Konkurrenz im Magazinmarkt: Vor allem auf den „kicker“. Das Magazin genießt großes Ansehen, erscheint selbstzweimal wöchentlich, hat gute Reporter mit guten Kontakten.
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6 Kommentare leave one →
  1. Felix Guth permalink
    15. März 2010 10:41

    Ein reines Print-Produkt auf den Markt werfen, allein mit dem Anspruch das aktuelle Sportgeschehen zu beleuchten – das kann ja nicht gut gehen. Ich glaube, wenn Print only , dann geht das nur mit gehobenem Qualitätsanspruch. Und sicher nicht mit so einer Anzeigenblatt-Optik und so einem merkwürdigen Titel.

    Andererseits: Der Sport ist ein dankbares Feld, um mit relativ geringen Mitteln, viel zu produzieren. Deshalb kann das für eine Weile klappen. Und eine Alternative auf dem Sportzeitungsmarkt ist durchaus nicht verkehrt.

    Denn das der Kicker nicht schrill sei, kann so nicht stehenbleiben. Da wankeln die Meinungen auch schonmal gewaltig, und wichtig ist ja eh nur, was der Kicker selbst recherchiert hat. Eine üble Altherren-Art, die mich häufig aufregt.

  2. 15. März 2010 13:10

    Ich bezweifle, dass ein Verleger, der bisher mit TV-Zeitungen (TV Sudoku) „erfolgreich“ war, jetzt plötzlich auf seriös recherchiertem Sportjournalismus in den Markt strebt. Ganz davon ab, dass der ohnehin bedient ist. Insofern würde es für mich einer Sensation gleich kommen, wenn sich „der Sport-Tag“ tatsächlich lange halten sollte.

  3. Jürgen Koers permalink
    15. März 2010 14:54

    Ich stimme dem Kollegen weckenbrock (Danke für die freundliche Erwähnung!) in allen wesentlichen Punkten zu. Der zentrale Grund für das vermutete Scheitern fehlt mir aber noch:

    Zwölf (12!) Redakteure sollen das Blatt machen. Und dabei mehrere Sportarten und ganz Deutschland abdecken. Jeder Schülerzeitungsmacher weiß: Das wird nichs.

    Bei einem angeilten täglichen Umfang von 24 Seiten und in Anbetracht, dass eingekaufte Beiträge von guten freien Schreibern auch ihren Preis haben, bleibt denen nur: Agenturmaterial zusammenschustern. Und das kann man online tatsächlich besser und schneller.

    Ich bin dickköpfig und seit langem überzeugt, dass es einen Markt gibt für eine gute tägliche Sportzeitung in Deutschland. Allerdings nicht mit den vom Kollegen Weckenbrock in Bezug auf „Der Sport-Tag“ aufgeführten Mängeln. Und nicht zum „Nulltarif“, wie es hier offenbar von Herausgeber-Seite versucht wird.

    So läuft das wieder einmal auf einen Fehlversuch hinaus. Wie schon zuvor in Köln, Hamburg…

    P.S.: Wieso nicht den andernorts erfolgreich praktizierten Weg der Gratiszeitung gehen und am späten Nachmittag erscheinen?

    • Felix Guth permalink
      15. März 2010 15:26

      Dass man es trotzdem mal wieder mit einem reinen Print-Produkt versucht, zeigt ja wie einsetig auch von vielen vermeintlich frischen Journalisten immer noch immer gedacht wird. Denn das Gleiche bedienen wie die Großen mit weniger Leuten geht schlicht nicht. Über Netzwerken und Kommunizieren einen Leserstamm generieren dagegen schon.

      Die tägliche Sportzeitung mit Niveau ist ein reizvoller Gedanke, könnte aber wohl nur von den Großen mit viel Aufwand angeschoben werden. Allerdings: In Konkurrenz zu Web und TV könnte so ein Blatt nicht über die nachrichtliche Schiene kommen. Das liefe dann entweder auf regionale Fixierung (wie bei Reviersport) oder auf Schmutz-Geschichtchen a la Yellow Press hinaus. Beides wohl nur bedingt zukunftsfähig.

      Wer weiß? Vielleicht wird es ja gerade dieser erneute Fehlversuch, der irgendwen zu der rettenden Idee antreibt….

  4. K-punk permalink
    15. April 2010 07:34

    Ich find ihn geil, das Glas is‘ halb voll& nicht halb leer!
    MfG Komerzpunk

Trackbacks

  1. Bald schon kommt “Der Sport-Tag” « weckenblog

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