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Schland o Schland: Die Kampagne

31. Juli 2010
Johannes Jötten und Moritz Schefers, zwei Macher von Uwu Lena, im Interview in der WG-Küche.

Johannes Jötten und Moritz Schefers, zwei Macher von Uwu Lena, im Interview in der WG-Küche.

Neben der Nationalelf waren sie die Shooting-Stars der Fußball-WM: Uwu Lena, Studenten-Combo aus Münster, die mit „Schland o Schland“ die Charts stürmte. Drei Wochen nach der WM haben der Kollege Oliver Koch und ich für die Münstersche Zeitung mit Johannes Jötten und Moritz Schefers gesprochen. Einen Teil des Gesprächs haben wir hierher ausgelagert. Darin geht es um den Internetcoup und eine nahezu perfekt verlaufene Social-Web-Kampagne.

Ihr habt mit eurem Uwu-Lena-Erfolg die Klaviatur des Internets gespielt. Was war im Social Web der wichtigste Kanal, um euch zu vermarkten?

Schefers: Ich weiß nicht, ob man sagen kann, welcher Kanal der wichtigste war. Wir haben viel bei Facebook gemacht und bei Youtube Videos reingestellt. Aber auch die anderen Plattformen waren wichtig. Unsere Facebook-Statusmeldungen waren mit Twitter verknüpft und sind auch dort gelandet. Dazu haben wir versucht, wenn wir noch 140 Zeichen übrig hatten, für die Twitter-Follower exklusiv irgendwas zu tippen.

Habt ihr verfolgt, wo es die größte Interaktion und Resonanz gab?

Schefers: Es ist nun mal so, dass man das bei Facebook besser verfolgen kann als im Studi-VZ. Wenn man bei Facebook eine Seite anlegt, bekommt man eine ausführliche Statistik, wer sich die Seite angesehen hat und wie die Qualität der Interaktion ist.

Jötten: Man kann nicht sagen, was das wichtigste war. Einerseits Youtube, unser Video dort hatte in kurzer Zeit immens viele Klicks; diese Klicks waren aber auch bedingt durch Twitter. In der besten Zeit hat jede Minute jemand getwittert: „Hey, da gibt’s ein neues Lied. Schland Schland.“ Das hat sich dann gegenseitig hochgepusht. Und dann gab es da Facebook, wo man sehen kann, wie es läuft. Ich selbst habe viel über die VZ-Netzwerke gemacht, wo ich selbst 4000 Freunde habe. Ich habe Massennachrichten an alle verschickt – und ich weiß, dass diese an 4000 oder 5000 Leute ging.

Hat sich einer bei euch speziell um die Social-Media-Kampagne gekümmert? Oder gab es eine Aufteilung: Du machst Twitter, er macht Facebook?

Schefers: Ja, wir haben uns schon irgendwie aufgeteilt. Einige haben z.B. gar keinen Facebook-Account.

Johannes Jötten von Uwu Lena

Johannes Jötten, Musik- und Videoexperte der Combo.

Jötten: Das meiste haben aber glaube ich wir beiden gemacht. Ich weiß, dass ich die ersten beiden Tage, nachdem wir Mittwochmorgens um 8 Uhr das Video fertig hatten, wirklich die ersten neun Stunden in Boxershorts und T-Shirt nur am Computer saß und gepostet und geschrieben habe. Bei vielen meiner 4000 VZ-Freunde habe ich das Video in den Post direkt eingebettet. Bei Foren habe ich mich angemeldet – Preußen Münster, Schalke, Dortmund. Ich habe geschrieben: „Hier gibt es nen neuen WM-Song von ein paar Leuten, die das aus Spaß gemacht haben.“ Und am nächsten Tag wieder – ich habe glaube ich wirklich 18 Stunden am PC verbracht.

Hast du das alles unter deinem eigenen Namen gemacht? Im Social Web gibt es ja eine Art Kodex, sich selbst nicht zu vermarkten – oder besser gesagt: Es kommt oftmals nicht gut an, wenn man eigene Dinge besonders hoch hängt… Also: Hast du geschrieben: „Hey, da sind welche, die…“ oder eher: „Hey, wir sind die Macher eines neuen WM-Songs. Hört mal rein.“?

Jötten: In Foren habe ich geschrieben, dass wir aus Münster kommen und einen Song geschrieben haben – und wenn ihr Fragen habt, dann antwortet was. Bei den VZ-Netzwerken ist ja klar, dass ich selbst das war, der geschrieben hat.

Relativ schnell war eine Facebook-Seite von Uwe Renners aus Münster online. Die Seite machte erst den Anschein, als sei sie von euch. Hat euch das gefreut oder geärgert?

Schefers: Man erinnere sich an die „Freunde“ von schlandrut.com. Zwei Tage, nachdem wir unsere eigene Seite hatten (www.schlandrut.de, d. Redaktion), kam ein Trittbrettfahrer von schlandrut.com. Der hatte ganz nette Werbeanzeigen, da war ich immer ganz viel drauf… (lacht / Anzeigen für Pornoseiten, d. Redaktion). Ich dachte, die Facebookseite stamme auch von dieser Seite, denn es gab auch einen Twitteraccount mit einem ähnlichen Namen, der sich als Uwu Lena ausgab und schrieb: „Wir sind die neue Band“. Es hat sich aber schnell herausgestellt, dass die Facebookseite „Schland o Schland“ damit doch nichts zu tun hatte.

Habt ihr Druck auf schlandrut.com oder die Facebook-Fanseitenmacher ausgeübt?

Schefers: Nö, gar nicht. Ich habe anfangs irgendwann gesehen, dass es diese Facebookseite gibt – oder unser Manager Mike hat mich darauf aufmerksam gemacht. Aber das war für uns in der Kürze der Zeit gar nicht machbar, oder besser: Wir hatten gar nicht darüber nachgedacht, neben schlandrut.de auch noch eine Facebookseite zu starten. Das hätte sich natürlich angeboten, aber ich habe das gar nicht realisiert und hatte viele andere Dinge zu tun. So war es für uns ja sogar gut, dass jemand kommt, der es so macht, wie wir es vielleicht auch gemacht hätten und dort die Leute bei Laune hält. Dort kamen ja auch die ersten Forderungen auf wie: „Gebt uns unser Lied zurück.“ Da haben wir uns nicht geärgert, dass es nicht unsere Seite ist – das ist ja egal.

Jötten: Das lief ziemlich lange, ehe wir Kontakt zu dem Macher der Facebookseite hatten. Wir haben es einfach laufen lassen.

Moritz Schefers / Uwu Lena

Moritz Schefers stellte seine WG als Uwu-Lena-Hauptquartier zur Verfügung und lenkte die Web-Kampagne.

Schefers: Und deshalb hat er hinterher eine Wurst beim Grillen im Südpark von uns bekommen. (lacht)

Welche Rolle hat denn lokale Zeitungsberichterstattung für euch gespielt – und die in den Onlineportalen vor Ort?

Schefers: Wir haben zuerst den Artikel beim Berliner Kurier online gesehen. Das hat uns schon sehr gewundert. Ich war ziemlich aufgeregt, nachdem mir ein Kumpel aus Berlin den Link dazu geschickt hatte. Ich dachte erst, er wolle mich verarschen, er hätte das vielleicht selbst geschrieben. Aber dann ist mir eingefallen, dass er das gar nicht kann. (lacht)

Medienportale hatten also schon eine besondere Bedeutung für euch…

Schefers: Uns hat nicht überrascht, dass die Lokalzeitungen zuerst darauf anspringen – da kommt man ja nun doch einfacher rein. Dass dann bei MZ und WN fast jeden Tag Artikel auf Titelseiten, Lokalseiten und so standen, das war dann schon eine andere Art als die restliche Berichterstattung.

Jötten: Ich glaube schon, dass uns das geholfen hat – ebenso wie auch sonst die Unterstützung. Aus Münster hatten wir einen ganz ganz großen Support; diejenigen, die wie wir Studenten in Münster sind, vielleicht aus anderen Städten kommen, haben das dann an Familie und Freunde zu Hause rumgeschickt und gesagt „Hey, ich bin jetzt in Münster – guckt euch DAS mal an.“ Diejenigen haben uns geholfen, das Ganze zu verbreiten. Das kann man nicht in Zahlen messen.

Fünf, sieben, acht Jahre zurück – wäre diese Kampagne damals möglich gewesen, oder etwas ähnliches?

Johannes Jötten / Moritz Schefers

Sie machten sich ihre "schwarz-rot-goldene Platte" selbst. Jetzt hängt sie eingerahmt in Schefers WG-Zimmer.

Schefers: Nö, da gab es ja Facebook und Youtube noch nicht. Wahrscheinlich hätte man vor fünf oder zehn Jahren damit dafür mehr Geld verdient als heute. Diese Kultur, man lädt ein Video hoch und schickt es weiter, das wäre vor ein paar Jahren noch nicht denkbar gewesen; und dass das dann auch noch als Startschuss dafür dient, dass man in die Charts kommt – undenkbar.

Wahrscheinlich wären auch die Produktionsbedingungen oder -kosten noch ganz andere gewesen…

Jötten: Die „alten Leute“ aus dem Musikgeschäft sagen ja immer, das wären noch Zeiten gewesen, in denen man sich hoch kämpfen oder wo man hundertmal auftreten musste oder in denen man einen Studiotermin finanzieren musste. Bei vielen Dingen, die ich heute im Netz so sehe, denke ich: Es wäre gut, wenn es diese Hürden noch gäbe. Denn heute kann jeder zu jeder Zeit alles rausschmeißen und in dem riesigen Wust dauert es lange, bis man endlich mal wieder was qualitativ Schönes findet, bei dem man sagt: Das ist echt cool. Als wir vor acht Jahren im Studio waren, da meinten die Leute „Boah, ihr ward im Studio. Wow! Und ihr habt was auf CD aufgenommen!“ Das war eine riesige Hürde und man musste sparen, um ins Studio zu kommen. Das dann noch zu verbreiten wäre ein riesiges Marketingding gewesen. Wie das damals hätte passieren sollen… Ich war froh, wenn ich in ganz Münster Flyer verteilt hatte.


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