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#Cablegate: Anne Will kurz vor dem Moderationsfiakso

29. November 2010
Anne-Will-Sendung zum Thema "Cablegate"

Anne-Will-Sendung zum Thema "Cablegate"

Man kann der ARD und Anne Will ja wirklich nicht vorwerfen, sie seien nicht spontan, flexibel und tagesaktuell. Dass die Talk-Sendung, die sich gestern Abend eigentlich mit Mobbing beschäftigen wollte, am Wochenende noch den Dreh schafft und sich dem aus Aktualitätsgründen relevanteren Thema „Wikileaks veröffentlicht zigtausend US-amerikanische Diplomaten-Notizen“ widmete, ist zu loben. Dass daraus aber aus Moderationsperspektive beinahe ein Fiasko wurde, ist auch erwähnenswert. Eine Sendungskritik.

Denn Anne Wills Gesprächsleitfaden geht nicht auf. In den ersten 15, 20 Minuten versucht sie immer wieder, die Aufmerksamkeit der Diskutanten auf die Inhalte der veröffentlichten Dokumente zu ziehen. Auch die musikalisch und bildlich dramatisieren Einspieler mit den Zitaten („Niebel ist eine schräge Wahl“ / „Merkel ist selten kreativ“ / „Westerwelle ist unberechenbar“) preschen mehrfach in die Diskussion herein, die sich längst auf einer anderen Ebene befindet. Was steht denn nun drin in den Dokumenten, fragt Will immer wieder in anderen Worten – und stört Sie das denn gar nicht, kabelt sie an Dirk Niebel. Der und die anderen sagen etwa: „Ich weiß noch gar nicht, was drin steht. Aber darum geht es doch hier auch gar nicht…“

Nach viel zu langer Zeit gesteht Will – wohl weil sie Angst hat, dass sie sonst den thematischen Leitfaden durch die Sendung verliert und möglicherweise viel zu schnell zum Ende der Diskussion kommt – dann den Diskutanten zu, sich dem eigentlichen Thema zu widmen: Wie sicher sind Daten heute noch? Und (da darf man Sascha Lobo für seine Rolle in der Runde danken): Wie gehen wir damit um, dass Datenlecks unvermeidlich verstärkt auftreten werden? An der Stelle wird die Runde besser.

Da sind aber viele Zuschauer womöglich schon längst ausgestiegen. Denn der gemeine Tatort-Gucker, der standardmäßig den ganzen Sonntagabend bis nach den Tagesthemen im Ersten bleibt, hat in den ersten 20 Minuten der Sendung nur Bahnhof verstanden. Vermutlich wissen viele nicht, was Wikileaks ist. Erklärt wird das lange nicht. Viele Zuschauer, die nicht den ganzen Sonntag über im Netz gesurft haben sondern über Adventsmärkte geschlendert sind, wissen vermutlich auch noch gar nichts von den Veröffentlichungen im Spiegel. Die ersten 20 Minuten der Sendung mutieren aber zu einer Dauerwerbesendung für das Magazin. X-fach wird die Montagsausgabe zitiert, x-fach wird die Relevanz des neuen Heftes, das Montag am Kiosk liegt, hochgejazzt. Was hat Der Spiegel denn bitte den Redakteuren bei Anne Will dafür gezahlt? Und so ganz verstanden hat man als Laie nach dieser Tirade am Anfang immer noch nicht, worum es gerade eigentlich geht.

Nervig ist noch, wenn Helmut Kocks mehrfach die Bedeutung von investigativem Journalismus hervorhebt – welche Rolle spielt dieses Thema hier? Natürlich ist Qualitätsjournalismus bedeutsam, vielleicht heute auch deutlich mehr zu verteidigen als jemals, weil dessen Geschäftsgrundlage gerade flöten gehen könnte – aber das ist doch in dieser Runde gar nicht das Thema.

Gewinner der Talkrunde ist für mich Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff. Er ist kompetent, wirkt trotz der wohl sehr spontan erfolgten Einladung in die Sendung gut vorbereitet und rettet die Diskussion, die Anne Will nicht bei sich halten kann.

Bezeichnend für die Unsicherheit Anne Wills ist für mich eine Szene: Als Herr Kocks im ersten Teil der Sendung von der Kuba-Krise redet, ruft sie von hinten herein: „1962 meinen Sie.“ Eine Information, die an dieser Stelle niemand braucht. Eine Information, die wie ein Hilferuf wirkt. Anne Will will wohl sagen: „Hey, ich weiß auch was!“ Damit sagt sie mir aber nur eins: Sie fühlte sich unwohl, sie hat die Moderationsrolle verloren – diese Sendung war fast ein Fiasko für sie, aus dem sie am Ende nur Casdorff, Niebel und Lobo retteten.

Michael Hanfeld von FAZ.net sieht das offenbar anders. Er schreibt in einer „Frühkritik“: Doch es gelang – in Maßen, als überstürzter Auftakt einer aufgeregten Woche darf man die Sendung als gelungen bezeichnen.

  • Ein interessantes Live-Blog zum Thema Wikileaks-Enthüllungen versteckt sich unter einem falschem Deckmantel (falsch getexteter Teaser auf der Startseite / Stand 29.11.2010, 10.03 Uhr) auf zeit.de.
  • Die ganze Sendung Anne Will gibt es hier.


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