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Warum Nachrichten unterhalten sollten – und wie sie es schaffen können

23. September 2011

Die Nachrichtenwelt heute ist schneller als sie jemals war. Ich bezeichne mich als Nachrichten-Junkie und ertappe mich manchmal dabei, mich schlecht zu fühlen, wenn ich nicht zu den ersten gehöre, die etwas erfahren haben. So gestern bei der Nachricht, dass Ralf Rangnick seinen Trainerjob bei Schalke 04 aufgibt, weil er schwere Erschöpfungssymptome bei sich festgestellt hat. Ich habe das bei Twitter gesehen, so gegen 11.15 Uhr. Dann habe ich in meiner Timeline zurückgescrollt, festgestellt, dass ich das schon seit 9.45 Uhr hätte wissen können – und mich hinten dran gefühlt. Der Wissensvorsprung der anderen betrug 90 Minuten: eine Fußballspiellänge, schon mit Blick auf den 24-Stunden-Tag eigentlich eine Kleinigkeit.

Die Nachrichtenwelt, in der ich mich auch als Profi auf der Senderseite bewege, stellt also auch an mich und meine Arbeit neue Herausforderungen. Dabei geht es nicht nur um die Schnelligkeit, sondern auch um den Wettbewerb um Aufmerksamkeit (es gibt zig Artikel zu dem Thema, einer davon ist z.B. dieser aus dem Jahr 2008), den ich mit hunderten anderer Portale im Netz, sozialer Netzwerke, Internetspiele u.v.m. ausfechte. Ich kämpfe mit unseren Nachrichten, die vor allem lokal und regional sind und sich aufs Ruhrgebiet, genauer um den Raum in und rund um Dortmund, beziehen, um jede Minute, die der potenzielle Leser zu vergeben hat. Klickt er auf unser Portal oder klickt er woanders? Die Aufmerksamkeit ist entscheidend, denn die ist es, die wir auf dem Portal des Verlages, für den ich arbeite, unseren Kunden auf der Anzeigenseite verkaufen: Leser-Aufmerksamkeit, gemessen in Visits und der Verweildauer auf unseren Seiten.

Wie gehe ich diesen Wettbewerb ein? Mit Nachrichten. Nachrichten bewegen die Menschen, sie befriedigen die Neugier. Niemand will sich abgehängt fühlen wie ich im Falle Rangnick, niemand will eine Nachricht verpassen – vor allem nicht direkt vor der eigenen Haustüre, in der eigenen Lebenswelt. In unseren Orten verwurzelte Menschen, davon darf ich ausgehen, interessieren sich sehr für Nachrichten aus ihrem Ort (das hat der Kollege Daniel Chmielewski in seiner Dissertation belegt – hier ein Interview darüber). Weil sie sie direkt betreffen. Aber reicht es heute in diesem Wettbewerb, sich genau auf dieses „Angewiesenheitsgefühl“ der Leser zu verlassen? Nein, es gehört mehr dazu. Denn der Wettbewerb hat sich in Digitalien extrem verschärft.

Darum darf man diese Rechnung aufmachen: Nachrichten müssen nicht nur stimmen und unmittelbar am Ereignis, also schnell, sein. Sie müssen auch Nutzwert haben. Und sie müssen – Achtung, These: unterhalten.

Eine schlimme Nachricht kann Leser doch unterhalten – oder besser, damit mich niemand falsch versteht, denn die Nachricht an sich ist natürlich nicht unterhaltend, sondern für die Betroffenen oft einfach nur schlimm: Das Entstehen der Nachricht und ihr Wachstum, die Recherche und der Erkenntnisprozess, können einen Unterhaltungswert besitzen. Und genau auf den müssen wir setzen. Wir müssen mit der Neugier der Leser spielen, sie befriedigen, zugleich neu kitzeln und immer wach halten. Das darf nicht gespielt sein, das muss echt sein – aber es sollte sein, denn es ist ein Wettbewerbsvorteil.

Das geht nicht bei jeder Nachricht, aber es gibt Nachrichten, bei denen man es gut machen kann. So wie bei diesem Beispiel. Eines, an dem ich zeigen kann, wie uns das gelungen ist: der Brand eines Schlachthofes in der mittelgroßen Stadt Lünen, etwa 10 km nördlich von Dortmund. Eine, keine Frage, schlechte Nachrich , die sich zu dem Zeitpunkt, als wir von ihr erfuhren und sie zum ersten Mal vermeldeten, auch hätte schlimm sein können (war sie am Ende aber nicht, es gab nur einen leicht Verletzten und zwei verendete Tiere). Wie haben wir es geschafft, aus dieser einfachen Brand-Nachricht ein einen Nachmittag lang „unterhaltendes“ Nachrichtengeschehen zu entwickeln? Wir haben prozesshaft berichtet. Nicht endgültig. Wir haben aus einer ersten Kurznachricht ein Info-Geflecht entstehen lassen, das häppchenweise über den Tag wuchs. Es wurde sukzessive informationshaltiger und multimedialer durch das Anreichern mit immer mehr Fotos in einer erst kleinen, später stündlich wachsenden Fotostrecke. Es kamen zwei eigene Videos hinzu, später eine Linksammlung aus dem Social Web mit weiteren Videos und Twitter-Meldungen (eingebaut via storiy) und wir reicherten das an mit immer mehr Fakten und Reaktionen.

Wer in Lünen lebt, der wird am Himmel die Rauchwolke gesehen haben. Er wird sich gefragt haben, was da los ist und sich auf Info-Suche gemacht haben. Bei uns hat er sehr schnell eine erste Info gefunden mit dem Hinweis: Lieber Leser, bleib dran, klick gleich noch mal hier herein, denn wir berichten weiter, sobald wir mehr wissen. Wen die Nachricht „angefixt“ hat, der wird wiedergekommen sein, bis er seine Neugierde gesättigt hat. Im besten Falle am späten Abend; gegen 20 Uhr machten wir das letzte Update der Nachricht (und haben auch dazu geschrieben, dass das das letzte Update gewesen sei).

Dieses „Ereignis- und Erkenntnis-Protokoll“ haben wir online so belassen, obwohl zu diesem Zeitpunkt der Zeitungsartikel ausrecherchiert und fertig verfasst gewesen ist. Den haben wir aber im Print belassen, um unseren Zeitungslesern am nächsten Morgen einen besonderen Service zu liefern (für den sie Geld bezahlen): eine kompakte, ausformulierte, fertige Nachricht mit Anfang und Ende und mit ein paar zusätzlichen Infos – Stimmen von Mitarbeitern des Schlachthofes, die ganz nah dran waren beim Brand. Hatte man diesen Printartikel gelesen, fühlte man sich rundum informiert – und das innerhalb von etwa vier Minuten Lesezeit. Mit dieser Lesezeit wäre man bei unserem großen Online-Angebot, bei dem man sich als Leser die Nachricht in gewisser Weise selbst erobern muss, nicht ausgekommen. Dafür fiel beim Print-Bericht der Unterhaltungs-Faktor gering aus: Es war ein Bericht, angereichert mit Zitaten von betroffenen, versüßt mit zwei Fotos – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Zur Sorgfaltspflicht und dem Druck zur Schnelligkeit (was allein schon eine Gratwanderung ist) gesellt sich ein weiterer Faktor, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet: Unterhaltung. Dabei, und auf diesen Nenner kann man es vielleicht kürzen, ist vermutlich entscheidend, mit wie viel Enthusiasmus und Neugier und dem Spaß am Internet man selbst bei der Sache ist. Denn ich kann eines zumindest von mir, ich glaube aber auch von den an diesem beispielhaften Nachrichtprozess beteiligten Kollegen behaupten: Mir hat es Spaß gemacht, den Prozess in diesen Formen im Internet und in der Zeitung zu „spielen“. Und einigen unserer Leser auch (Twitter I / Twitter II).

 

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