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Warum der #jnrw12 nicht so schlecht war

25. November 2012
Podium mit Wienand, Egbringhoff, Lau und Heddergott

Podium mit Wienand, Egbringhoff, Lau und Heddergott

Puh, der NRW-Journalistentag des DJV gestern in Recklinghausen hat im Netz ganz schön mies abgeschnitten. Er hat ein wenig Ehrenrettung verdient: Denn er hat einem zwar auch Gestriges vor Augen geführt, aber letztlich doch auch richtige Wege in die Zukunft gezeigt. Leute, es war nicht so schlecht, weil…

 

Es ist ja immer so: Die verrücktesten, die absurdesten Aussagen, die auf einer Veranstaltung getätigt werden, auf der ein Teil der netzaffinen Welt vertreten ist, sie sind immer die, die am meisten hängen bleiben. Sie werden durch Twitter und Facebook herumgereicht und vervielfacht. So funktioniert das Social Web – und am Ende und unterm Strich entsteht bei denen, die eine Veranstaltung nur aus der Ferne via Tweets verfolgt haben, der Eindruck: Die Veranstaltung muss ein Witz gewesen sein. Genauso hat es sich dieses Jahr mit dem Journalistentag des DJV-NRW zugetragen. Er muss in der digitalen Medienszene offensichtlich ernsthaft um sein Image bangen (wenn der Zug bei einigen Multiplikatoren nicht schon längst abgefahren ist…). Dabei hat er zwar wieder stellenweise gezeigt, dass offenbar nicht alle verstanden haben, wohin die Reise im digitalen Zeitalter gehen muss – aber auf der anderen Seite stehen andere, die sich bewegen.

Ich kann mich selbst ja gar nicht ausnehmen: Auch ich habe als twitternder Gast der Veranstaltung dazu beigetragen, einige wundersame (aber übrigens auch einige für mich sehr sinnig wirkende) Statements im Netz zu verbreiten. So hat mich Thomas Lau (im Netz schwer aufzufinden und zu verlinken) von der WAZ New Media auf einem Podium, auf dem es um den Wandel des Journalisten zum Community Manager ging und um User Generated Content, doch einigermaßen schockiert. „User Generated Content ist gescheitert“, war eine seiner steilen Aussagen, die vertwittert wurde und die anschließend im Netz für einigermaßen Furore sorgte. Neben Lau saß unter anderem Lars Wienand von der Rheinzeitung, dem es gelang, noch recht human, aber doch bestimmt das Gegenteil zu behaupten. Er sagte, dass die Rheinzeitung durchaus recht regelmäßig Fotos von Usern in die Berichterstattung einbände; dass es vorkomme, dass ein Rheinzeitungs-Reporter nach einem Hinweis via Twitter die Polizei anriefe mit der Frage, was bei diesem einen schweren Unfall denn gerade vorgefallen sei, und die Polizei antworte: „Das wissen wir noch nicht, wir sind selbst noch nicht einmal da.“ (Tweet) Die Gegenfrage von Lau: „Wann habt ihr denn das letzte Mal 60 Zeilen eines Users auf der Startseite gehabt?“, löste bei ihm offensichtlich ein inneres, bei den Zuhörern im Saal ein durchaus offenes Schmunzeln und Runzeln aus.

Thomas Lau gebrauchte in einem kurzen Wortschwall noch die Ausdrücke vom „sich selbst omnipotent vorkommenden Onliner“ und beim Community Management von „Aktiver Therapiearbeit“, womit er vermutlich auf in der Tat oft großes Troll-Aufkommen in Kommentarspalten anspielte. Es passte aber zu seinem Auftritt – der vielleicht darin gipfelte, dass er sagte: „Internet ist hauptsächlich klauen„. Kein Wunder, dass diese Thesen die Runde machten. Vielleicht war Lau auf dem Podium zwischen Kai Heddergott, Lars Wienand und Verena Egbringhoff (WDR, Aktuelle Stunde) auch gerade eine Rolle als Gegenpol zugeschrieben. Man weiß es nicht, aber es scheint mir so.

Ansonsten war der Journalistentag nicht nur aus humoristischer, sondern auch aus nutzwertiger Perspektive ein Branchentreff, der sich durchaus gelohnt hat. Er bewegte sich viel im Kosmos „Wie gehen Lokalzeitungen mit dem Medienwandel um?“ und zeigte: Es gibt die, die verstanden haben, wohin es gehen muss. Und gefühlt werden es mehr. Es ging nicht mehr so sehr um Publikationswege, die Unterscheidung Print/Online spielte in den Runden, in denen ich war, keine große Rolle. Es ging um Journalismus und die Annäherung an den Leser unter dessen Einbindung, die Abkehr vom Prinzip des bloßen Sendens und von der bloßen Wahrnehmung einer Chronistenpflicht, um den Medienwandel, der auf die Arbeit des Einzelnen konkretisiert in die Köpfe eines jeden Journalisten muss. Um den größer gewordenen Anspruch an die Qualität der Arbeit eines Journalisten, um sich im verschärften Wettbewerb um die Aufmerksamkeitsminuten der Menschen zu behaupten. Und darum, wie „das alles neben den bisherigen Aufgaben auch noch zu schaffen sein soll“. Es ging um die Vor- und Darstellung von hyperlokalen Projekten aus erster Hand – und wie man damit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Das sind alles keine neuen Fragen; es sind auch keine großen neuen Thesen entworfen worden, über die die Medienszene noch in zehn Jahren sprechen wird. Aber es herrschte ein Klima des Austausches, über Verlagsgrenzen hinweg. Und das hat den Journalistentag zu einem Branchentreff gemacht, der sich 2012 wieder mehr gelohnt hat.

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Diese „offiziellen“ Beiträge habe ich im Nachgang des #jnrw12 gefunden:

Der DJV selbst schreibt über das Auftakt-Panel, das ich nicht verfolgt habe, und widmet sich hier in Kürze alternativen Finanzierungsmodellen.

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Übrigens: Wundersame Aussagen von einem Herrn Franz-Josef Spöhrl („Die Zeitung, und zwar so, wie wir sie kennen, wird dem Internet auf Jahre hinaus überlegen bleiben.“) und einem Herrn Dr. Norbert Holz („Auch in fünf Jahren wird es im Internet keinen Qualitätsjournalismus geben.“), die bei Twitter gelaufen sind und weiterzitiert wurden, waren (durchaus nicht ganz unberechtigte) Satire von Ralf Heimann, die aber als solche nicht direkt verstanden wurde.

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Wie habt ihr das gesehen, die ihr da wart? Freue mich auf eure Einschätzungen.

2 Kommentare leave one →
  1. Thomas Lau permalink
    25. November 2012 21:22

    Nein, als Gegenpol o.ä. war ich nicht vorgesehen. Und das mit dem „Clown“ ist/war eine Medientheorie, auf twitterfreundlichen Zeichenumfang heruntergebrochen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.

    • 26. November 2012 09:25

      Hallo Herr Lau, meinten Sie „Clown“ statt „Klauen“? Dann hat Sie die Welt (inklusive mir) ziemlich falsch verstanden.
      Gruß, Philipp Ostrop

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