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SnapChat und Journalismus – ergibt das Sinn?

25. November 2015
Eva Schulz ist auf SnapChat "hurraeva"

Eva Schulz ist auf SnapChat „hurraeva“

SnapChat ist in Deutschlands Social-Media-Medienmacher-Szene gerade ein gehyptes Thema – Grund genug, es hier im Blog aufzugreifen. Die Frage, der sich viele Journalisten, die zur digitalen Avantgarde gehören, gerade stellen: Wie komm ich da rein? Was kann ich da journalistisch tun? Was ergibt Sinn, was nicht? Eine, mit der man sehr gut darüber sprechen kann, ist „hurraeva“, also die Eva Schulz (ihr Blog). Die 25-Jährige ist gerade so ein bisschen Pionierin. Ich hab sie zum Interview im Hangout getroffen.

Eva Schulz ist eine kleine journalistische „First Moverin“ in Deutschland, wenn ich das richtig überblicke. Eine von vielen inzwischen, aber eine, die das schon sehr beachtlich umsetzt, was SnapChat kann und was journalistisch Sinn ergibt. Eva Schulz verleiht der von Terrorwarnungen heimgesuchten Stadt Brüssel – da wohnt und studiert sie gerade – gerade via SnapChat ein etwas anderes Gesicht. Sie hat in der vergangenen Woche zwei SnapChat-Storys gedreht und anschließend auch auf ihren anderen Social-Media-Kanälen geteilt, in denen sie demonstriert, dass man sich in Brüssel durchaus noch frei bewegen kann. Dass es da noch ein Leben auf den Straßen gibt – während die Medien in Deutschland tendenziell eher den Eindruck vermittelten, ganz Brüssel sei praktisch ausgestorben.

Wäre Eva Schulz nicht bei Twitter erwähnt worden oder bei Facebook geteilt, hätte vermutlich nur ein kleiner Teil der Menschheit überhaupt gewusst, dass sie bei SnapChat diese Storys veröffentlicht hat. Denn SnapChat hat Schwächen – es ist eigentlich gar nicht so Social, wie viele andere Social Networks. Denn es basiert nicht auf dem Teilen von Links und dem Liken von Beiträgen. Es basiert auf einer Peer-to-Peer-Verknüpfung: eins zu eins. Wer dem anderen folgt, der bekommt seine Storys zu sehen, wenn er denn reinschaut. Anderen irgendwas empfehlen? Das geht nur außerhalb von SnapChat.

Eva Schulz‘ Storys bei SnapChat haben, sagt sie, so etwa 200 Leute angesehen. Das kann jeder, der eine Story einstellt, in seiner eigenen Story-Statistik sehen. Das schöne ist: Man kann auch sehen, wie viele Leute sich die Story von vorne bis hinten angesehen haben. Oder wie viele die anfangs vielleicht noch unfertige und im Aufbau begriffene Story schon verfolgt haben. Denn jeder einzelne Story-Beitrag wird einzeln gezählt.

Storys ist dabei in SnapChat eigentlich schon eine Weiterentwicklung des eigentlichen Prinzips, das darauf basiert, dass ich als Snapper einen Snap – also ein Foto oder ein knapp 20-sekündiges Video – an einen Freund schicken kann. Der kann es sich maximal zweimal ansehen, dann ist der Snap weg. Ein für allemal. Der Empfänger kann maximal einen Screenshot machen, aber das wird dem Versender angezeigt. Der kann den anderen dann ausschimpfen. Eine Story ist schon eine Aneinanderreihung von Fotos und Videos, die alle sehen können, die mir bei SnapChat folgen – allerdings „nur“ für 24 Stunden. Das SnapChat-Prinzip ist also insofern andersartig, als dass es nicht auf dem Hochladen und ewigen Vorhalten sowie dem Teilen von Inhalten basiert. Alles, was ich twittere, bleibt für immer verfügbar – zwar schwer auffindbar, aber stets verfügbar, wenn ich oder jemand anders es findet. Gleiches gilt für Facebook, wenngleich hier nur „intern“, also nur im Netzwerk selbst. Was ich snappe, ist spätestens, nachdem es jemand angesehen hat, allerspätestens aber nach 24 Stunden wieder weg. Für immer. Es sei denn, ich widersetze mich diesem Prinzip: Es gibt die Funktion, Snaps und gante Storys stationär zu speichern – und dann kann ich es zu YouTube, Facebook oder sonstwo hin hochladen. Zugleich ist SnapChat aber auch in sich geschlossen: Es ist nicht möglich, vorbereitete Fotos aus der Fotoapp zu snappen. Snappen kann ich nur, was ich in SnapChat selbst produziert habe.

Aber, aber… Journalisten haben doch den Anspruch, dass bei ihrer Arbeit ein Wert entsteht. Eine Information, ein Film, ein Audio – irgendwas, das verfügbar bleibt. Das einer großen Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Etwas, das man auch in einiger Zeit noch mal nachlesen kann – und sei es nur als Arbeitsnachweis. Was soll also eine SnapChat-Story?

Warum SnapChat trotz (oder wegen?!) seiner speziellen Art sexy ist?

  • Es ist irre beliebt bei denen, die Journalisten gerne erreichen wollen, aber kaum kriegen: 15- bis 25-Jährige.
  • Es ist zunächst total unverständlich, überhaupt nicht intuitiv zu erlernen – aber wenn man es verstanden hat, irre simpel in den Möglichkeiten, die es „einfachen“ Usern bietet: Man kann nicht viel tricksen, man kann nicht schneiden, man kann nur Videos hintereinander reihen. Das kann nach kurzer Zeit jeder, der sich damit beschäftigt. Und so entsteht eine unfakebare Story – denn auch die Reihenfolge der Aufnahmen kann man nicht editieren.
  • Es bringt eine neue Art des Storytellings: Man arbeitet mit Icons, Schrift im Bild oder kleinen Zeichnereien. Viel mehr geht in der Basisversion nicht. Aber was es gibt, das nutzt man eben auch einfach.
  • Es bringt eine neue Art von Live: Während Periscope oder andere Livestreams so voll und ganz live sind und ohne Unterbrechung  laufen, ist SnapChat auch irgendwie live, weil man eine Story eines SnapChatters schon in ihrem Entstehungsprozess verfolgen kann. Aber der Autor kann das Live-Erlebnis doch selbst bestimmen und filtern, was er veröffentlicht und was nicht.

Wird SnapChat eine neue Killer-App? Ein Netzwerk, in dem man sein muss? Darüber und über viele andere Fragen zum Thema habe ich mit Eva Schulz gesprochen.

 

Eigentlich dem SnapChat-Gedanken widersinnig – aber hier ist die Story, die Eva Schulz bei SnapChat bekannt gemacht hat:

 

Ich gehöre selbst zu den SnapChat-Testern für „journalistische“ Formate. Das ist eine meiner „Storys zum Üben“ in den vergangenen Wochen. Bei SnapChat hatte sie übrigens zehn Views…

 

Wer mich bei SnapChat sucht, der findet mich wie überall: „weckenbrock“.

Ein Tipp noch: Susanne Dickel snappt als „flight_1“ zurzeit aus den Krisenherden der Flüchtlingssituation. Sie war jetzt auf Lesvos (das man zwar Lesbos schreibt, aber Leswos spricht) und hat Ankünfte von Flüchtlingsbooten gesnappt.

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2 Kommentare leave one →
  1. 19. Dezember 2016 21:53

    Sorry, aber SnapChat hat mit ordentlichem Journalismus genauso viel zu tun wie die Bildzeitung…
    Irgendwie finde ich es bedenklich, was aus dem Journalismus geworden ist… oder war der schon immer so oberflächlich?

    • 19. Dezember 2016 21:56

      Ich denke, dass Journalisten mit ihren Inhalten dorthin gehen müssen, wo mögliche Adressaten sind, die ihre Veröffentlichungen sonst nicht sähen. SnapChat spielt da sicher eine Rolle. Und es ist möglich, Geschichten auch dort zu erzählen. Eva Schulz ist dafür ein gutes Beispiel. Das Netzwerk allein ist aber sicher kein Hort für die Veröffentlichung großer Recherchen.

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