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Furnas, Azoren: Wir haben das Paradies gesehen

30. Juli 2016

Ein einziger Tag reichte schon, um zu bilanzieren: Wenn es das Paradies gibt – hier, auf der größten der neun Azoren-Inseln, auf São Miguel, im Tal von Furnas, hier ist es. Ja, an einem Tag Ende Juli 2016, an dem ich so viel unglaublich Schönes gesehen habe wie selten zuvor in so kurzer Zeit, habe ich das Paradies gesehen. Wie war der Tag? Ich nehme euch mit!

Dieser Tag begann mit Wolken. Aufgewacht im Design-Hotel Furnas Boutique Thermal & Spa, beim Blick durchs Fenster, viel grau da draußen am Himmel. Ja, wer Türkische Riviera oder Palma de Mallorca mag, der wird hier nicht sein großes Glück finden: 24 Grad, etwas Wind, zwei Regenschauer, immer wieder mal Wölkchen – das ist auf diesem zwar namentlich, aber selten inhaltlich bekannten Archipel mitten im Atlantik der Standard. Im Sommer wohlgemerkt. Auf dem Azoren wird man aber sein großes Glück finden, wenn man weniger auf den Anblick von Perlenketten auf Ramsch-Märkten, dafür aber mehr auf hellgrün belaubte Baumriesen, den Flug des farbenfrohen Azorengimpels und blühende Blumen-Büsche in allen Farben steht. All das gibt es rund um Furnas zuhauf.

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Als wir frühstücken und uns am reichen Büfett mit den vielen regionalen Dingen (Früchte, Milch, diverse Käsespezialitäten und vor allem: Quellwasser) bedienen, wissen wir das noch nicht. Wir ahnen es, aber sind fixiert auf dem Ausflug zu den Caldeiras: Das sind heiße Quellen, von denen es in und rund um Furnas im Osten der Insel zusammen mit weiteren kalten Quellen über 20 gibt. Als wir rechts am Hotelflügel vorbeispazieren und in unsere erste Tagestour dieser Reise aufbrechen, sehen wir schon zwei Dampfwolken aufsteigen. Es riecht nach Eiern, manchmal auch nach faulen. Wir gehen 200 Meter – und stehen mitten in einem der zwei Thermalfelder von Furnas. Es blubbert links aus einem Loch in der Erde. Es blubbert und spuckt rechts aus einem weiteren. Es dampft. Man darf nicht ganz nah ran, aber als ich mit der Hand den lehmigen Stein unter meinen Füßen berühre, merke ich auch in fünf Metern Entfernung, wie arm es hier in der Erde ist. 

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Oberhalb der sprudelnden Quellen ist ein Park angelegt. Wir spazieren hindurch und sehen auf der anderen Seite, etwas unterhalb,  ein weiteres Loch, aus dem es Gelb herausspuckt. Ein Mann mit Kappe und weißer Kleidung über dem dicken Bauch bewacht weiße Säcke, die er selbst wohl in die Quelle gelegt hatte. Er holt sie wenig später mit einer Alustange, einer Art Angel, heraus, wirft sie auf die Ladefläche seines Mofa-Dreirades und tuckert davon. Wir werden ihn später wiedersehen- ganz in der Nähe eines anderen heißen Spots wird er ein Geschäft mit uns machen.

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Wir nehmen noch einen Schluck aus einer Quelle, die aus einer Felswand am Straßenrand entspringt. „Azeda do  Rebentão“ steht auf Kacheln darüber geschrieben. Ihr Wasser schmeckt wie ein schlechter trockener Sekt mit starker Eisen-Rost-Note – 35 Grad warm. Scheußlich. Aber sie sagen: gesund. Dann gehen wir rauf auf einen Berg am Ortsrand, passieren einen Friedhof mit vielen künstlichen Blumen und errichten über eine irre steil aufsteigende Straße den Miradouro Lombo Dos Milhos. Auf einer Weide mit Blick über die Wiesen auf die Berghänge gegenüber pausieren wir,dann geht es ebenso steil wieder bergab zum Lagoa das Furnas. Es ist ein Kratersee, dem der vulkanische Ursprung weder vom Aufriss noch vegetativ anzusehen ist. Das grüne Wasser sieht nicht allzu einladend aus. 

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Wir folgen dem Ufer dem Uhrzeigersinn folgend und ziehen Richtung dieser sonderbar fremd wirkenden Kirche am Südufer, die sich beim Annähern als hoch, aber klein, dazu pittoresk und vermoost herausstellt. Fast alle Gebäude hier sind weiß verputzt, vor allem die Kirchen. Sie aber soll ein Mini-Nachbau einer Kathedrale von Chartres sein. Dunkles Gestein, grottenhaft verwunschen.  Man kommt nicht rein, weil das eiserne Tor verschlossen ist. Aber der Anblick von außen genügt. 

Dann geht es auf dem Weg am Westufer des See dschungelgleich. Bambus-Wälder, Blütenwunder, die zweithöchste Araukazie der Welt (51 Meter, Stammdurchmesser 193 cm), unbekannte Vogelstimmen – es ist dunkelgrün, was sich als Gegenstück zum hellgrün schimmernden Seewasser zeigt. 

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Den eigentlich geplanten Aufstieg zum Pico Do Ferro auf 500 Meter (4,4 km weit) lassen wir angesichts der fortgeschrittenen Zeit aus. Wir spazieren weiter in der Erwartung des zweiten Thermalfeldes, das noch mehr Azoren-Spezialität verspricht und für uns das Rätsel mit dem dicken Mann vom Morgen auflösen wird: Cozido ist das Stichwort dieser Caldeiras. Das heißt eigentlich simpel nicht mehr als „gekocht“, meint hier aber einen Eintopf, der im heißen Boden gegart wird. Ein Mann im Elektromobil fährt von einem Sandhügel zum nächsten Loch in der Erde. Er hat hier am Morgen Dutzende gut verschlossene Kochtöpfe in Erdlöchern versenkt und sie vergraben. Oben in den Sandhaufen stecken Namensschilder derer, denen die Töpfe gehören. Es sind Privatleute, die hier Cozida garen, und Restaurants wie Tony’s aus Furnas, die diese Spezialität am Abend für 13 Euro die Portion oder 20 Euro die Partnerplatte servieren. (Kohl, Karotten, Kartoffeln, Süßkartoffeln, dazu pikante, aber trockene Wurst und Blutwurst,Schwein,Rind und reichlich Speckschwarte, Serviert mit Reis) Die Privaten verspeisen den Eintopf nach etwa sechs Stunden Gar- und Wartezeit gleich bei einem Picknick mit der Familie an einer der vielen Tischgruppen am Seeufer.

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Wir wissen zu dem Zeitpunkt schon, dass uns am Abend ein Tisch bei Tony’s im Ort gehört, und treffen am Parkplatz den dicken Mann vom Morgen mit seinem Moped wieder. „Sweet Corn cooked in Caldeiras“ steht auf Schildern: der Maiskolben, der dutzendweise heute früh in den Säcken auf der gelben Sprudelquelle in Schwefelwasser garte. Stück 1 Euro. Wir knabbern ihn und denken: Ja, so schmeckt gekochter Mais. Nur per Gefühl, im Wissen um die Herstellung, wird er richtig köstlich. Obrigado! Adéus!

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Jetzt sind wir noch eine Dreiviertelstunde von Furnas entfernt. Wir biegen links ab und verlassen das Ufer dieses Sees, der uns verwundert zurücklässt, und wandern zurück. Im Ort haben wir uns zum entspannten Abschluss noch den Parque das Terras Nostras vorgenommen – es sei der mannigfaltigste, der wohl schönste Park Portugals, sagt man. Vor allem wegen seiner Thermalbäder, erst danach wegen seiner Artenvielfalt mit Pflanzen aus aller Welt. 6 Euro Eintritt zahlen wir, gehen noch ein paar Stufen rauf und stehen vor einem Teich mit grün-braunem Wasser, das nach Rost riecht und aus dem Köpfe herausstechen. Rundherum an den Hängen und auf Bänken sitzen Menschen. Erst setzen wir uns dazu, dann nehmen auch wir eine der drei Leitern. Das Wasser hat locker 35 Grad und als wir 15 Minuten später wieder aussteigen, ist unsere Haut rostgebräunt. 

Ein paar Stufen abwärts in der Vegetation sind zwei weitere Pools. Kleiner, aber mit klarerem Wasser und noch zwei, drei Grad wärmer. Wir waschen den Rost ab, entspannen noch ein wenig unsere Muskulatur von der Wanderung, duschen dann kalt und spazieren noch ein wenig durch den Botanischen Garten. Dann gehen wir gemütlich zurück zum Hotel.

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Gegen 21 Uhr ziehen wir von dort wieder los. Wir haben Hunger und sind gespannt auf das Rendezvous bei Tony’s – mit dem Cozida. Mit ein paar kühlen Sagres-Bierchen geht der genüsslich runter. Vor allem in dem Wissen, dass wir ihm schon am Nachmittag einmal ganz nah waren: als er in einem dieser sonderbaren Erdlöcher namens Caldeiras schmorte. 

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Draußen vor der Bar ist die weiße Kirche plötzlich hell erleuchtet. Die Trommlergruppe Bombomania marschiert durch die Straße. Hier kündigt sich etwas an: Festas de Sant’Ana. Das größte Fest des Jahres in Furnas, sagt der Kellner. Feuerwerk kracht in der Luft. Es ist nur der Auftakt. Vom Rest erzähle ich ein andermal. 

Fast ein Dutzend Dinge, die ich nie zuvor in dieser Art mit eigenem Auge in eigenem Beisein gesehen und gespürt habe. Alles an einem Tag. In einem Paradies, das seinesgleichen sucht. 

Drei 360-Grad-Aufnahmen noch:

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One Comment leave one →
  1. 26. Januar 2017 17:11

    Sehr schöner Bericht! Vom rostfarbenen Wasser haben wir noch eine Erinnerung in den Badeklamotten mit nach Hause genommen, gut das die Haut nicht auch dauerhaft rostfarben bleibt ;-)
    Liebe Grüße
    http://www.reisenlesenleben.wordpress.com

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